27.11.2016

Urwahlfrage #1: Massentierhaltung

Als BAG Tierschutzpolitik durften wir den KandidatInnen für die Urwahl zur Bundestagswahl 2017 Fragen stellen. Unsere erste Frage:

Die Grünen kämpfen für ein Ende der Massentierhaltung. Nach EU-Ökoverordnung dürfen in einem Biostall bis zu 4.800 Masthühner leben, 10 pro Quadratmeter. Ist das für dich auch Massentierhaltung, die wir abschaffen sollten?

Katrin: Industrielle Tierhaltung ist nur in Teilen eine Frage von einem halben Quadratmeter mehr oder weniger. Unsere Herausforderung ist systemischer. Es geht uns genauso um Kükenschreddern, Qualtransporte, gekürzte Schnäbel und beschnittene Schwänze, um kranke Tiere und Missbrauch von Medikamenten und Hormonen. Die schweren Tierschutzverletzungen in Ställen von führenden Vertretern der Bauernverbände haben doch allen gezeigt, dass wir da viel weiter gehen müssen: Hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft, hin zu einer Viehzucht, die Umwelt- und Tierschutz belohnt, die Tiere nicht quält und Bäuerinnen und Bauern jenseits von industrieller Massenproduktion eine Perspektive gibt.

Robert: Die EU-Ökoverordnung bleibt hinter den Vorgaben der deutschen Bio-Verbände zurück. Nach der EU-Bio-Verordnung darf man 580 Masthühner pro Hektar halten, das sind mehr als 2 Großvieheinheiten pro Hektar. Nach den Vorschriften der deutschen Bio-Anbauverbände sind „nur“ 280 Masthühner erlaubt, das sind umgerechnet 1,15 GV/ha. Ich halte es für erforderlich, die EU-Richtlinien anzupassen.Meine Forderung wäre, für die Hühnerhaltung insgesamt eine Bestandsobergrenze einzuführen, wie es sie z.B. bei Neuland mit 14.400 Hühnern pro Betrieb gibt. Auch sollten wir uns dafür einsetzen, dass pro Stall nicht mehr als 3.000 Hühner leben. Das sage ich gerade vor dem derzeitigen Geflügelpest-Geschehen in Schleswig-Holstein. In einem einzigen Betrieb mussten bereits 30.000 Tiere getötet werden, da dort die Geflügelpest ausgebrochen war.Was den konkreten Platz anbetrifft – also wie viele Hühner auf einem Quadratmeter gehalten werden dürfen – gibt es vor allem in der konventionellen Tierhaltung Änderungsbedarf. Dort gilt, dass pro Quadratmeter die „Masthühnerbesatzdichte zu keinem Zeitpunkt 39 kg/m2 überschreitet“ (§19, Abs 3). Da ein Masthuhn am Ende der Mast ca. 1500 g wiegt, entspricht dies etwa 25 Hühnern, die sich auf einem Quadratmeter Stallfläche drängen müssen. Da haben sogar Legehennen in der Käfighaltung mehr Platz. Das müsste zuerst geändert werden. Dagegen sind in der Bio-Verordnung derzeit 4 Hühner pro Quadratmeter erlaubt. Dieses Maß sollten wir insgesamt anstreben.Die Qualität der Hühnerhaltung hat aber nicht nur etwas mit Platz und Größe zu tun, sondern mit Ausgang, Struktur des Stalls und Ruhegelegenheiten für die Hühner und der Bedeckung des Bodens mit Einstreu. Daher sollten wir zum Beispiel dafür sorgen, dass der Auslauf auch bewachsen (grün) ist und Schutz bietet (Sträucher, Bäume), da die Hühner ihn sonst aus Angst vor Greifvögeln nicht annehmen. Auch brauchen wir dringend Regeln für die Haltung von Wassergeflügel, hier fehlen derzeit entsprechende Anforderungen in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung.

Anton: Nein. Die Haltungsbedingungen in der biologischen Landwirtschaft sind deutlich besser als in den 40.000er-Ställen der industriellen Massentierhaltung. Den Tieren werden keine Körperteile amputiert, sie haben mehr Platz und kommen nach draußen. Klar, auch bei manchen Bio-Regeln gibt es Verbesserungsbedarf. Es kann zum Beispiel nicht sein, dass ein Gebäude mit ein paar Trennwänden als mehrere Ställe durchgeht. Zum Teil wird auch hier auf schnellwachsende Masthybriden gesetzt. Aber wir müssen uns vor Augen halten, wo die Missstände am größten sind, wo der eigentliche Gegner steht. Es gibt bisher noch nicht einmal richtigen Regeln, wie Puten oder Kälber gehalten werden dürfen. Mir gehen die Bilder aus den Ställen der Agrarlobbyisten nicht aus dem Kopf. Da will ich ran.

Cem: Das ist sicher besser als in konventionellen Betrieben, aber auch solche Agrarfabriken sind natürlich problematisch. Nicht nur was eine artgerechte Tierhaltung betrifft, sondern auch aufgrund der Folgen für Natur und allgemein für die Menschen in der Umgebung. Ich halte es mit unserem Agrar-Experten Friedrich Ostendorff, der „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ fordert. Das können wir sicher nicht über Nacht erreichen, aber dieses Ziel sollten wir konsequent verfolgen.

 

Alle Fragen der Bundesarbeitsgemeinschaften der Grünen findest du hier:

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